Wenn die Wut leiser wird

von | 16.02.2019 | Gedankenbuch, Wenn plötzlich alles anders ist | 0 Kommentare

Wenn die Wut leiser wird

Ich versuche gar nicht erst, Euch vorzumachen bei mir wäre jeder Tag gut und wunderbar. Nur weil ich einen Weg gefunden habe, mit meiner Krankheit klar zu kommen, bedeutet das nicht, dass es mir immer nur gut geht. An den meisten Tagen geht es mir psychisch auch gut und ich akzeptiere meine Situation und stelle mich dem Kampf gegen das kleine Arschloch Krebs.

Genau heute vor einer Woche hatte ich meinen ersten, wirklichen Scheißtag. Eigentlich wollte ich den Bericht über meine zweite Chemo schreiben, als sich wie aus dem Nichts heraus eine unglaubliche Wut in mir aufbaute. Schnell drehend, rasch ansteigend, sich nach oben schraubend um als Gefühlswirbelsturm über mir zusammen zu brechen. Unbändige Wut über meine Hilflosigkeit in bestimmten Situationen. Wut über meine eigenen Unzulänglichkeiten. Wut, ungezielt und wild um sich schlagend. Wut mit der ich nicht um zu gehen weiß. Tränen in den Augen, Tränen der puren und unbändigen Wut. Unbändig und ziellos. Einfach eine alles erfüllende, alles und alle anklagende Wut. Die Wut machte mich atemlos und schnürte mir sprichwörtlich den Hals zu. Machte das Atmen zur Last und nährte dadurch die Wut nur um zu mehr.

Und genauso unvermittelt die Wut kam, so plötzlich wurde sie leiser. Als die Wut leiser wurde, machte sie ganz langsam und ganz allmählich einer stillen Verzweiflung Platz. Verzweiflung legt sich wie eine dichte Wolkendecke über alles – bis nur noch Dunkelheit übrig ist. Dunkelheit die Angst macht, die bedrückt, die den Raum enger macht, die jeden Winkel erfüllt.

In diesem Zustand der Verzweiflung befand ich mich für eine gewisse Zeit. Ich vermag nicht mehr zu sagen wie lange oder wie sie verschwand. Auf einmal war sie weg. Ich wischte mir über die Augen und war wieder voller Zuversicht und Kraft, dass ich eine Chance habe gegen das kleine Arschloch habe. Aber seit dem, bin ich mir im Klaren darüber, dass ich den Kampf auch verlieren kann und auch daran denken muss, für diesen Fall alle Vorkehrungen zu treffen.

Mal wirst du die Asche sein aber einmal auch der helle Schein

Karat hat diese Zeile in Ihrem Song „Über 7 Brücken musst Du gehen“ untergebracht und ich finde das jetzt grade sehr passend für meine Situation. Ich bin sehr froh, dass der helle Schein überwiegt. Heute war so ein Tag, voller kraftspendenden und hellen Scheins. Ein wundervoller Tag mit reichlich Sonnenschein und selbstständigem Handeln. Ohne fremde Hilfe und ohne peinliche Zwischenfälle.

Um mich hier zu verstehen, muss ich ein bisschen was erklären. Bis auf eine andauernde Erkältung und permanente Schmerzen in der Schulter fehlte mir ja nach meiner Einschätzung nichts. Dann ging alles ganz schnell. Diagnose, hin und her in die verschiedenen Kliniken und Ruck Zuck gab es auch schon die erste Chemo und alles veränderte sich.
Gefühlt war es wie von einem Tag auf den Anderen. Weiche Knie, wackelige Beine, Schwäche und ständige Müdigkeit/Mattheit. Allein Duschen schwierig bis unmöglich. Selbst Auto fahren ging gar nicht. Solange ich im KH war, stellte das alles kein größeres Problem dar. Es gab reichlich Hilfe und Unterstützung. Aber erstmal wieder zu Hause, stellte sich das dann als nicht mehr so leicht heraus. Wem konnte ich schon zumuten mir z.B. beim Duschen zu helfen – ein bis vor Kurzem noch völlig undenkbarer Zustand. Eine Situation mit der ich gar nicht klar kam.
Ich fühlte mich mehr als Pflegefall als je zuvor und hatte da wirklich sehr mit zu kämpfen. Also zu kämpfen mit mir und meinem falschen Stolz. Aber auch das hat sich erledigt und ich nehme die Hilfe gerne und dankbar an!

Und heute war es so, dass es mir wirklich sehr gut ging und ich entschloss, heute auch selbst Auto zu fahren und Niemanden um Hilfe zu bitten. Also bestieg ich mein altes Auto und machte mich auf die 9,5 km bis zum Barbier in Sinsheim zurück zu legen und meinen seit Monaten wildwachsenden Bart vom Profi bändigen zu lassen. Vorher noch schnell zum Bäcker und draußen lecker gefrühstückt. Alles bei bestem Wetter.

Der Barbierbesuch hat sich echt ausgezahlt:

Einen kurzen Schlenker über KFC führte mich dann zu Freunden in den Stall. Freunde, Pferde und Hunde besuchen. Alles allein – alles ganz ohne fremde Hilfe – was für ein unglaublich großartiger Tag!

Und damit komm ich gleich zu noch einem Punkt, der wichtig ist und sich radikal verändert hat:

Prioritäten und Gewichtungen

Ich kann mich schon sehr lange über die kleinen Dinge des Lebens freuen und diese genießen. Aber dass sich Prioritäten und Gewichtungen von Dingen nach der Diagnose noch so stark verändern können, überrascht mich noch immer. Der heutige Tag ist ein solches Beispiel. Solche Tage sind eigentlich nicht wirklich etwas besonderes und wären das auch für mich, vor kurzer Zeit, noch nicht gewesen. Aber heute – heute war es für mich ein echtes Ereignis – ein wirkliches Highlight, welches mir so unglaublich viel gegeben hat. Ich kann es nur schwer in Worte fassen, aber glaubt mir bitte einfach, wenn ich Euch sage, es war einer der schönsten Tage in den letzten Jahren für mich.
So sehr können sich in kürzester Zeit die Sicht auf das eigene Leben verschieben – oder lasst mich lieber sagen, ein neuer Fokus auf die Dinge des Lebens gesetzt werden.

In diesem Sinne von mir ein kräftiges:
„Keep on Fighting gegen das kleine Arschloch!“
#fuckcancer

Mein Krebs-Gedankenbuch

#fuckcancer

Die Meisten haben es ja schon mitbekommen. Ich habe Krebs. Lungenkrebs, kleinzellig und aggressiv.

Ich habe mich nun endgültig dazu entschlossen, offen mit dem Thema um zu gehen. Ich möchte, dass diejenigen, die es wissen möchten, nicht über Dritte oder Buschfunk mit „Informationen“ versorgt werden.

Hier auf meiner Homepage werde ich von nun an mehr oder weniger Regelmäßig berichten, was ich erlebe und wie ich es erlebe. Somit kann dann jeder selbst entscheiden, ob er teilhaben möchte oder nicht. Die reinen Fakten, meine Gedanken und Gefühle, Reaktionen von Freunden, Bekannten und Verwandten und Geschichten, die mir in dieser Zeit über den Weg laufen. Ich werde auch nicht rein chronologisch vorgehen. Es wird Rückblenden und Erinnerungen geben, die sich irgendwann im Laufe der Zeit und zum Thema ereigneten.

(Das Bild ist von CP Malek und ich liebe es und es passt zu mir)


Wer möchte, kann mir auch gerne schreiben.
Digital an: jko@www.jko-artworx.de 

Oder (ich liebe es) gerne auch noch mit der wunderbar altmodischen Post:

Jan Klug-Offermann
Louis-Goos-Str. 6
74889 Sinsheim